Scene

Id
3652  
Name
Rehab  
Summary
 
Position
21  
Scenetype
Off Camera  
Created At
2018-04-02 22:52:03  
Edited At
2018-04-06 20:15:22  
Show
Vendetta 132  


Irgendwo im Westerwald...
einige Tage vor Vendetta 132...

Die Rehabilitationsklinik liegt in einem Naturschutzgebiet, am waldigen Ende eines kleinen 300 Seelen Dorfes. Die nächstbeste Kleinstadt ist eine Stunde entfernt - am Wochenende fährt ein Bus dorthin, wenn sich genug Patienten melden. Die Suchtpatienten befinden sich ansonsten in einem Schutzraum, den sie nur in Richtung des naheliegenden Waldes verlassen können. Der Tag ist strukturiert. Gruppentherapie, Ergotherapie, Bewegungs- und Sporttherapie, Sozialdienst und Einzelgespräche, dazwischen Essenszeiten. Um fünf Uhr beginnt die Freizeit - wobei man in der Therapie nicht unbedingt davon sprechen kann. Zu viele Gedanken, zu viele Gespräche und Impulse wabern noch durch die Gehirnwindungen und wollen geklärt, ja bearbeitet werden. Oft Tagelang. Der vorgegebene Therapierhythmus entspricht dem achtstündigen Arbeitsrhythmus. Und auch wenn manche Patienten es belächeln, da sie weiterhin vor sich selbst fliehen, ist es eine beinharte Arbeit. Knochenarbeit. 

Gut, dass ab und an Besuch kommt. Seitdem unser Patient, den wir bis dato als S1margl oder Mad Dog kannten, vor einem Monat einen Heimaturlaub antreten durfte, ist es bei ihm immer nur ein Mann, der vorbei kommt. Stevie van Crane. Zuvor kam niemand. Es tut daher gut, jemanden Vertrauten zu sehen und zu sprechen. Allerdings tut es auch weh, dass es nur einer ist, der ihn sehen will. 
Allein dieser Schmerz und seine mögliche Bewältigung zehren an ihm, lassen ihn Nachts wach liegen und morgens mit schweren Augen den Therapeuten lauschen. Wenn er selbst etwas sagen soll, spricht er meistens von der Vergangenheit. Einer guten Zeit. Denn um die Zukunft und ein mögliches Wiedersehen mit seiner Familie hat sich längst ein Mantel aus Scham, Angst und Ungewissheit gelegt.
Der Sporttherapeut sagte ihm auf einer Wanderung, dass alle Wege zur Klinik bergab führten, wohingegen alle Wege von der Klinik fort bergauf verliefen... 

Nun weiß der geneigte Leser um die Empfänglichkeit unseres Patienten, was dieserlei Metaphern betrifft. Und es muss ebenso festgehalten werden, dass unserer Patient noch einiges an Mühe und Arbeit vor sich hat, auch wenn die Rehabilitation bald ihr Ende findet. Vielleicht hat er auch deswegen an diesem Samstagmorgen eine Kurzwanderung gewählt, um mit seinem Besucher ein paar Schritte zu gehen und, wenn man so will, ein wenig Freiheit zu schnuppern. Ausgang hatte er schon seit langer Zeit - selbst der Aufenthalt in Berlin, zu dem ihm die Therapeuten geraten hatten, verlief ohne Rückfall.

Nach anfänglichem Small Talk über die Hinfahrt, das Wetter und die aktuelle Gemütslage steigen wir ein, als es spannend wird.

SVC: "Und was hast du danach vor?"

Der Night Fighter atmet nachdenklich ein, während er mit dem Fuß einen Stein wegtritt. Nach ein paar Metern Fußweg sehen sie den gleichen Stein wieder und erneut wird er weggekickt - noch immer hat Stevie keine Antwort gehört.
Also hakt er nach.

SVC: "Zurück nach Berlin? Oder... weg von hier?"

Der Patient atmet nachdenklich aus. Es scheint als versuche er die ganze Ungewissheit von sich zu blasen.

"Ich weiß es nicht..."

Ist der erste Versuch einer Antwort. Dann setzt er weiter nach.

"Die PCWA ist über all die Jahre meine Heimat gewesen. Sie war der Ort, wo ich die..."

Seine Stimme bricht. Er schluckt.

"...schönste Zeit meines Lebens hatte. Als Champion... mit Yai und meinem..."

Er beißt sich auf die Unterlippe.
Ein hilfloser Versuch die aufsteigenden Tränen abzuhalten. Denn schon rinnen sie seine Wangen hinab.

"...mit ihr und meinem Sohn."

Stevie nickt, während sie weitergehen. Familie. Das versteht er. Er denkt an Seraya, an Michael, an Serena. Und an die vielen Gespräche, die er mit ihnen geführt hat. Als Sonnenlicht durch die Tannenspitzen strahlt, muss er ausserdem an den Morgen auf der Dachterrasse denken und daran, wieviel seitdem geschehen ist. Mad Dog hatte große Fortschritte gemacht, doch das in ein paar Tagen stattfindende Zusammentreffen mit seiner Familie, das sein Therapeut arrangiert hatte, könnte seine Umkehr erneut auf den Kopf stellen.

SVC: "Du liebst sie noch?"

Wenn Yai ihrem Wort treu blieb, verhieß das nichts gutes für den verrückten Hund - das sieht Stevie in den gläsernen Augen seines Freundes und seinem eindeutigen Nicken.

SVC: "Wenn dem so ist, dann verschwende keinen weiteren Tag. Dann sag's ihr..."

Er klopft ihm auf die Schulter, während er ein zweites Mal wissend nickt.

SVC: "Ich hoffe für dich, dass sie erkennt, dass das damals nicht wirklich Du warst..."

"Zumindest nicht nüchtern..."

Plötzlich bleibt er stehen und packt Stevie am Arm.

"Aber die Verbitterung über meinen Niedergang, die sinkende Anerkennung, meine Niederlagen und die anderen Verluste, nette Kollegen... Freundschaften. All das, was irgendwo ein stückweit Auslöser des Konsums war - Das. Das war ich. Das waren meine Gefühle, die schließlich in Hass und Aggression umgeschlagen sind. In Wut und blinde Raserei. Währenddessen brauchte ich immer mehr Manipulation und der Stoff tat sein übriges.. Brachte all die angestaute, tief sitzende Wut, Trauer und Verzweiflung in immer aggressiveren und depressiveren Zügen hervor."

Die unbekannte Konstante legt selbstgewiss den Kopf schief.

"Deswegen ist die PCWA auch der Ort, wo ich die schlimmste Zeit meines Lebens durchgemacht habe. Und ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, an diesen Ort der Höhen und Tiefen zurück zu kehren."

Für einen Moment schauen sich die beiden in die Augen. Es ist das erste Mal, dass der Night Fighter den Blick für mehrere Sekunden hält. Nun ist SVC derjenige, der nachvollziehend nickt und damit Zustimmung signalisiert. 
Unser Patient lässt ihn los und sie setzen ihren Spatziergang fort.

Natürlich hätte Stevie ihn gerne zurück in der PCWA. Aber er weiß auch, dass es für Mad Dog momentan Wichtigeres gibt.

"Was gäbe es dort überhaupt noch für mich!? Hat sich die Liga nicht gewandelt? Sind nicht neue, hungrige Männer dort, die an die Spitze wollen?" 

Sollte er einfach die Karten auf den Tisch legen? Ihm offenbahren, in welche Richtung er zu gehen gedenkt? Er entscheidet sich für den Mittelweg.

SVC: „Alle wollen nach oben. Die PCWA ist ein Bahnsteig geworden, bevölkert mit den unterschiedlichsten Charakteren, die am Ende doch irgendwie gleich sind. Sie alle stehen dort und warten auf den Zug, auf den sie springen können. Und sie beanspruchen alle den Fensterplatz in der ersten Klasse. Sie stehen dort und schauen ungeduldig auf die Uhr, doch niemand setzt sich einmal auf die Bank, um sich umzusehen. Diesen Ort zu betrachten.."

Die Konstante macht den Eindruck, als hätte er nicht recht zugehört, und spricht einfach in Stevies Antwort hinein.

"Um ehrlich zu sein, verstehe ich auch nicht, was du noch dort willst."

Wieder weicht er aus.

SVC: „Was ich dort will? Gestalten. Formen. Mit meinen letzten Kräften, die mir geblieben sind. Kämpfen für eine Liga und eine Idee. Nicht für den Platz am Fenster, auf den sich ALLE stürzen. ‚Nutze den Tag‘, sagen sie. Doch haben die dunkelsten Stunden die PCWA weiter gebracht als manche denken..“

Eine Weile gehen die beiden nebeneinander her. Schweigend. Meinte Stevie auch ihn? Ihn, der sich wie kein anderer synonym mit der PCWA identifizierte?
Lange Zeit gehen sie dahin. Dann spricht nochmal die unbekannte Konstante...

"Weißt du, ich habe in den letzten Wochen mehrfach darüber nachgedacht. Und ich beneide dich. Als Seraya dir sagte, du sollst nach Hause kommen, hast du es getan, während ich die Worte meiner Familie stets ignorierte. Du warst klüger als ich."

Stevie Van Crane hebt den Blick, blinzelt in die Sonne.

Er denkt an seine Tochter. Und verschweigt einfach das letzte Gespräch mit ihr.

SVC: „Ich war NIE klüger als Du. Wahrscheinlich nichtmal so klug wie die Hälfte derer, die ich einst besiegte. Weil ich mich immer von Emotionen habe leiten lassen. Weil ich immer meinem Gefühl gefolgt bin. Und das war weiter so sein, vielleicht jetzt mehr denn je.“

Er legt Mad Dog die Hand auf die Schulter. Es wirkt fast wie ein Abschied, der wie eine Entschuldigung aussieht.

SVC: „Die kommenden Monate werden eine.. spannende Reise für mich sein. Für uns alle, wahrscheinlich. Die PCWA vermisst Dich. ICH vermisse Dich. Nicht als selbsterklärter Retter der PCWA, sondern als Mensch. Als jemand, den ich schätze – und auf dessen Urteil ich immer wert gelegt habe. Egal ob Du mich lobst und respektierst.. oder mich verurteilen wirst..“

‚Wirst‘. Die Zukunft blitzt hinter diesem Wort auf.

Die Konstante fragt nicht nach dem ‚danach‘. Jetzt nicht mehr..



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