Scene

Id
2646  
Name
Eintagsliebe  
Summary
 
Position
35  
Scenetype
Video  
Created At
2016-01-11 18:50:16  
Edited At
2016-01-17 22:38:43  
Show
Vendetta 114  


"Meinst du all das ist die Sache wert?"

Die Frage wird vom stürmischen Wind über der PCWA-Arena fast verschluckt, als Marvin Percio sie mit ungewohnt zittriger Stimme hinaus in die Nacht flüstert. Seine stahlblauen Augen suchen nicht den Blick des Mannes, der neben ihm - fast symbolisch - am Abgrund steht, sondern blicken verträumt hinaus in die Lichter der Großstadt. 

Marvin Percio: "Ich hatte das perfekte Out. Jeder hätte es verstanden. Ich hätte nach meinem Beinbruch die Stiefel an den Nagel hängen können und keiner hätte mir das übel genommen. Ich hätte dieses Schicksal akzeptieren können. Mein Zenit war erreicht, auf den höchsten Gipfel wehten meine Fahnen. Was konnte ich noch erreichen? Ich war mehrfacher World Champion. Wrestler des Jahres. Im Kampf des kleinen Dorfes Needles gegen das Wrestling-Imperium der PCWA war ich die lebende Legende, die als kleines Kind in den Topf mit Zaubertrank fiel. Ein solch herausragendes Aushängeschild, dass man auf dem Schrottplatz bereits Statuen von mir baute, mit ausgestreckten Mittelfingern gen Berlin."

Neben ihm befindet sich Robert Breads. Schweigend, in eine dicke Jacke gehüllt - er ist für heute eigentlich fertig mit Vendetta. Er hatte ein improvisiertes Match, ein unschönes Gespräch mit Bleed... und jetzt, hier, steht er neben dem Mann mit dem er bei der letzten Show noch gemeinsam versucht hatte, ein großes Match zu gewinnen. Der Kanadier blickt ebenfalls in Richtung der Lichter, schweigt aber. Er weiß dass sein Partner noch nicht fertig ist.

Marvin Percio: "Und wer weiß, vielleicht würden sie heute noch stehen, wenn ich das Handtuch geworfen hätte. Man hätte es verstanden. DIES hätte man verstehen können. Eine solche Verletzung.. da kommst du nicht mehr zurück. Kein Wunder dass man danach seine Karriere beendet. Ich wäre nicht der erste Profi, der an dieser Stelle gesagt hätte: Es ist vorbei. Zeit sich etwas neues zu suchen. Etwas anderes zu machen. Den nächsten Abschnitt einer Karriere abseits des Business anvisieren. Vielleicht ein Haus zu bauen, endlich eine Familie zu gründen. Zeit wäre es so langsam. Netflix abonnieren, die Beine hochlegen und auf der Couch chillen.. das Leben genießen, während der dabei gezeugte Nachwuchs auf dem Fussboden tobt und die nächste Generation in meine Fußstapfen tritt."

Es sind andere Worte als bei seinem Verbalduell mit Hannibal Cain. Doch dies ist ein anderer Moment mit einem anderen Mann an einem anderen Ort mit einer veränderten Ausgangslage. Und die Situation hier und jetzt bedarf einer anderen Betrachtung. 

Die Hand Percios wandert in die Taschen seines grauschwarzen Mantels. Nicht um darin Wärme, sondern einen Brief zu finden, dem ihm vor wenigen Minuten von einem Kurier überreicht wurde. Der Son of Rome hatte ihn schon erwartet. Der Zeitpunkt war unklar, nicht jedoch sein Inhalt. 

Er hatte die Worte mit seinem Aufenthalt in dieser Stadt quasi selbst geschrieben. 

Marvin Percio: "Doch was wäre dies für eine leere Zukunft gewesen, wenn ich an dieser Stelle einfach aufgegeben hätte. Wie feige wäre es gewesen, hätte ich an dieser Stelle tatsächlich den einfachen Ausweg gewählt, ohne es wenigstens zu versuchen. Ich bin dir dankbar, Robert.. denn ohne dich hätte ich vermutlich wirklich kapituliert. Hätte die Verletzung als Zeichen des Schicksals angesehen und resigniert. Dank dir hatte ich die Möglichkeit und die Motivation mich zurück zu kämpfen. Es wenigstens zu versuchen. Allen und am Meisten mir selbst zu beweisen, dass niemand die Karriere von Marvin Percio beendet, außer Marvin Percio selbst. Ich war noch nicht bereit zu gehen. Bin es noch immer nicht. Ich weiß nur nicht, ob es ein Fehler ist. Bin ich zu dickköpfig, Robert? Du hast mich kämpfen sehen. Du bist an meiner Seite gestanden. Bin ich noch gut genug in diesen Ring zu steigen? Bin ich noch stark genug mein Schild zu heben? Brennt in mir noch das Feuer des unbedingten Willens zum Erfolg, oder bin ich ausgebrannt, nur noch ein Häufchen Asche meiner selbst?"

Robert Breads: "Ich will dich nicht belügen, Marvin. Ich bin mehr als enttäuscht und wütend darüber dass wir bei der letzten Show nicht siegen konnten."

Er sagt das vollkommen ruhig, ohne den geringsten Anflug von Vorwurf in der Stimme.

Robert Breads: "Und doch... habe ich keine Sekunde an dir gezweifelt. Weder vor noch nach diesem Match. Dieses Match ändert meine Meinung von dir nicht - meine Meinung ist weiterhin, dass du in der Lage bist jeden und alles zu schlagen. Immer. Jeden Tag. In jedem Match. Gegen jeden Gegner. Denn auch wenn wir es nicht geschafft haben... auch wenn wir... gescheitert sind..."

Breads schluckt. Das Gespräch mit Bleed schießt ihm kurz wieder in den Kopf, dann blendet er es jedoch schnell wieder aus. Nicht jetzt.

Robert Breads: "...so haben wir dennoch ein unfassbares Jahr 2015 hingelegt. Wir haben in der GFCW alles gewonnen, alle geschlagen und keinen Zweifel daran gelassen, wem diese Liga eigentlich mehr oder weniger gehört. Wir müssen uns nur von unserem Thron erheben damit ganz Dortmund nieder kniet. Und das haben wir alles letztes Jahr in die Wege geleitet. Wir waren die Besten dort. Und wir sind auch die Besten hier. Ja, wir haben es nicht geschafft zu gewinnen, und das nagt an mir... jedoch nicht so sehr wie der Gedanke, dass du ernsthaft darüber nachdenkst dich unter irgendjemanden zu stellen, weil du an dir zweifelst. Du bist Marvin Percio. Du stellst dich höchstens unter jemanden, um ihn irgendwo herunter zu werfen, vor deine Füße, in den Staub."

Er schweigt kurz.

Robert Breads: "Soll ich dir etwas sagen? Es ist jetzt nicht ganz ein Jahr her, da stand ich in einem Match... Kevin Sharpe und ich gegen Nicotine & Bacteria. Wir zu zweit, die anderen zu dritt. Wir brauchten einen Partner, den ich besorgen sollte. Das tat ich. Ich wählte Chris McFly. Er mag eine nervtötende und spießige Quasselstrippe sein, aber er war in diesem Moment der Beste, den ich auswählen konnte. Dazu stehe ich bis heute, auch wenn dieses Match verloren wurde. Er war der Beste. Und weißt du warum ausgerechnet er der Beste war?"

Der Kanadier blickt Percio an.

Robert Breads: "Weil du nicht zur Auswahl standest."

Noch immer hält der selbsternannte Imperator des Wrestlings stoisch den Blick in die Ferne gerichtet. Falls ihn die Worte seines Tag Team Partners schmeicheln, merkt man es ihm nicht an - zu sehr wirkt er in seinen eigenen Gedanken gefangen. 

Marvin Percio: "Mein Denkmal auf dem Schrottplatz fiel, als wir in der GFCW aufschlugen. Für dich war es eine Mission.. für mich ein Test und das Zeichen, dass ich noch da bin. Doch im Endeffekt haben wir dort nichts bewegt. Wir haben eine sterbende Liga für ein paar kurze Augenblicke wachgerüttelt, bevor sie wieder in das süße Vergessen der Bedeutungslosigkeit entschlummerte. Was wir dort trieben war nichts weiter als Leichenschändung.. und doch.. war es eine wichtige Erkenntnis. Es zeigte mir, dass ich noch nicht bereit war selbst dieser Liga zu folgen. Deshalb ging ich statt dessen mit dir zur PCWA. Deshalb kämpfte ich bei United As One an deiner Seite. Und das war der Moment, als sie in Needles den Vorschlaghammer auspackten."

Robert Breads: "Na und? Mein Freund, vor dem Hauptquartier der GFCW würde schon längst eine lebensgroße Statue von mir in Gold stehen wenn ich nicht in der PCWA aufgekreuzt wäre. So ist das eben. Willst du das wirklich? Willst du dass dein Denkmal, dass dein Zeichen für Exzellenz, dass die Erinnerung daran, wer und was du bist, auf einem Schrottplatz steht? Umgeben von dummen Idioten, die zu viel getrunken haben und sich am Fuße dieses Mahnmals erleichtern? Denn das würden sie machen, Marvin. Die GWS, Needles... das ist die Vergangenheit. Das ist nichts. Das ist eine Liga, die dem Untergang geweiht ist. Das ist nicht einmal die zweite Liga im Vergleich zu dem hier, das ist die Kreisklasse. Du brauchst sie nicht. Sie brauchen dich. Und seit es dich dort nicht mehr gibt.... gibt es auch keinen Grund mehr, dass diese Liga weiter existiert. Das will sie sich nur nicht eingestehen. Aber das wird sie irgendwann. Und das Einzige, was man noch von ihr wissen wird ist die Tatsache, dass ein Mann zu groß für sie war, zu gut, zu stark, zu schlau, zu... perfekt, als dass er dort für immer bleiben konnte."

Marvin Percio: "Denn was sie nicht verstehen können.. verstehen wollen.. Berlin ist der einzige Ort, in dem ich als Wrestler eine Zukunft haben kann. Wenn es auch zeitgleich bedeutet Privat auf ganzer Linie zu versagen."

Ein Rascheln unterstreicht den letzten Satz, dessen Bedeutung zunächst unklar bleibt. Seine Hand verkrampft sich bei dem Wort 'versagen' um das Blatt Papier, welches er noch immer hält. Auch Breads zuckt dabei leicht zusammen, wenn auch aus anderen Gründen. Bleed. Versagen. Scheitern...

Marvin Percio: "Das private Ich in meiner persönlichen heiligen Dreifaltigkeit zu Gunsten des medialen Rampenlichts zu opfern ist für mich nichts neues. Ich tat dies schon unzählige Male in meinem Leben.. doch hatte ich bisher nie das Gefühl dabei etwas zu verlieren. Wrestling ist mein Leben, Robert. Wrestling ist.."

Percio lacht plötzlich auf. Es klingt bitter, selbstironisch.

Marvin Percio: "Es klingt fast wie eine Lüge. Zu mindest Paradox. Ich habe einen guten Abschluss. Einen Nachtclub. Eine eigene Modelinie. Aktien, Immobilien und Geschäftsanteile. Ich habe mir abseits des Sports ein eigenes kleines Imperium geschaffen. Wrestling hat nie für meinen Lebensunterhalt gesorgt, dafür hatte ich immer andere Quellen. Und dennoch ist es.. tatsächlich, wahrhaftigt.. alles, was ich habe."

Seine Augen suchen die von Robert. Fast schon flehend wirkt der Blick aus den - diesmal gar nicht wie stahl wirkenden - graublauen Augen, als er die Ausgangsfrage wiederholt.

Marvin Percio: "Meinst du all das ist die Sache wert?"

Robert Breads: "Du meinst die Schmerzen? Die schlaflosen Nächte? Das verlorene Blut? Die Freunde, die einen hintergehen, die Partner, die einen verlassen? Die unsäglichen Autogrammstunden, die nervigen Fans, die Rückschläge, der Schweiß und die Tatsache, dass das trotzdem immer noch nicht genug sein kann um das zu bekommen, was du wirklich verdienst?"

Zwei Sekunden Stille.

Robert Breads: "Ja. Das ist es wert."

Ein leichtes Lächeln legt sich auf die Lippen des Römers. Mit einem Nicken wirft er das Papier in den Mülleimer, um die Hand statt dessen auf die Schulter seines Freundes zu legen.

Marvin Percio: "Danke, Robert. Genau das musste ich hören."

Lange nachdem Marvin Percio vom Dach der Halle verschwunden ist, wirft Robert Breads nun doch einen neugierigen Blick auf das Papier, das der Römer so achtlos weggeworfen hat, wie das Kapitel seines Leben, welches es bedeutet.

 

Es tut mir leid, Marvin. Wenn du nach Hause kommst, werde ich nicht mehr da sein.

- Adeline

 

Robert Breads: "Mir tut es auch Leid."

 

Mike Garland: „Breads und Percio wieder mal als Best Buddys unterwegs.“

Vincent Craven: „Robert spricht Marvin Mut zu!”

Mike Garland: „Es ist sicherlich nicht schädlich, wenn sie sich gegenseitig den Rücken freihalten.“

Vincent Craven:  „Bei den Herausforderungen, denen sie sich gegenübersehen, ist das sogar sehr sinnvoll.“



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