Scene

Id
2634  
Name
Die ├╝berlegenere Philosophie  
Summary
 
Position
4  
Scenetype
Video  
Created At
2015-12-23 23:32:35  
Edited At
2016-01-17 16:11:49  
Show
Vendetta 114  


Einige Tage sind verstrichen, seit die Show mit dem pathos-triefenden Namen „United As One“ als eines der enttäuschendsten Jubiläen der Phoenix Crossover Wrestling Association in die Geschichte eingegangen ist – so muss jedenfalls der Eindruck der Fans gewesen sein, die mitansehen mussten, wie ihre Helden einer nach dem anderen auf dem Schlachtfeld fielen und stattdessen der Feind den Sieg für sich beanspruchen konnte. Die Namen der Gefallenen: Díego Sanchéz, Stevie Van Crane, Kevin Sharpe… und mit Einschränkung vielleicht sogar Erik Moranes – allesamt mussten sie vernichtende Niederlagen einstecken. Sie hingegen, die Kellerwesen, die rachsüchtigen Geister aus der Unterwelt, die einzig wahre Graswurzelbewegung in einer auf Lügen und leeren Versprechungen aufgebauten Welt haben sich innerhalb weniger Monate mit einem trommelfellzerfetzenden Paukenschlag zurückgemeldet und klargemacht, dass das Projekt "Nicotine & Bacteria" noch lange nicht beendet war.

Die Onlinezyniker, die die sozialen Medien bevölkerten, konnten den Einfluss ihrer Arbeit innerhalb der Grenzen des Wrestlingsports kleinreden so lang sie wollten. Sie durften gerne behaupten, dass das, was sie da Monat für Monat veranstalteten, reiner Eskapismus für die breite Masse war und nichts mit den tatsächlichen Verhältnissen der westlichen Gesellschaft zu tun hatte. Sah man aber in die Gesichter der anwesenden Menschen und die mannigfaltigen Emotionen, die sie darin vermochten hervorzurufen – egal ob es sich dabei nun um Enttäuschung, Verzweiflung, Zorn oder gar Schadenfreude und Befriedigung handelte –, konnten selbst die größten Kritiker nicht mehr leugnen, dass Nicotine & Bacteria längst aus den Limitierungen ihrer ursprünglichen Zunft ausgebrochen waren und ihre Philosophie wie einen Virus in die Köpfe derjenigen pflanzten, die sie beobachteten.

United As One war ein Achtungserfolg, ein Vorspiel dessen, was ihr einstiger Anführer prophezeit hatte, bevor Azrael Rage die schwarze Bestie erschlug. Für Kriss Dalm1, den amtierenden Cryption Crown Holder, ist ein Achtungserfolg aber nicht genug. Lange nicht genug! Würde es nach ihm gehen, dann sollte jeder einzelne Zuschauer in der Halle und vor den TV-Geräten das Werk Elevens als die überlegenste aller Philosophien anerkennen – vor jedem anderen "Wrestling"-Stable der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und auch jeder anderen Organisation außerhalb der Pro-Wrestling-Blase.

Ihre Schritte gleiten im gleichmäßigen Rhythmus über den schmucklosen Betonboden des unterirdischen Gewölbes und sorgen für aufwirbelnden Staub, der im fahlen Licht kaltweißer, flackernder Leuchtstoffröhren an der Decke über dem Boden umhertanzt. Für sein heutiges Date mit der PCWA-Obrigkeit hat sich der Serbe Verstärkung mitgebracht. "Quality time!" war die patzige Antwort auf Grizz L33s Frage, was er mit Bleed vorhatte, wohlwissend, dass er nach über einem Jahr immer noch unter der Beobachtung des Trouble Magnets stand, obwohl das Apocalypse Girl niemals wieder etwas vor ihm zu befürchten haben würde. Daraufhin schickte er die ungewohnt einsichtige Erklärung hinterher, dass die Vorbotin der Bacteria ihn bei den unvermeidlichen "Verhandlungen" mit Jona Vark unter Kontrolle halten sollte – die Reputation eines Berserkers hatte der Belgrader schließlich nicht umsonst. Tatsächlich ging es darum aber nicht. Vielmehr war es so, dass er sich nur in ihrer Anwesenheit ganz fühlte, würden ihre Schicksale doch auf ewig miteinander verwoben bleiben, ob sie wollten oder nicht. Oberflächlich betrachtet, mochten sie auf gleichberechtigter Ebene agieren, trotzdem sah und sieht der Ex-Junkie sie immer noch als seine Königin an, als seinen Motor, der ihn dazu antrieb, den Virus ihrer Philosophie weiterzuverbreiten und wachsen zu lassen.

Bleed: "Kriss.."

So sprach sie ihn selten an. Vielleicht hin und wieder seinen Vornamen, aber nie mit solchem Verständnis und Vertrauen in der Stimme.

Bleed: "Niemand erwartet von dir, dass du das hier tust.. okay? Die emotionale Apocalypse des CORE.. sie ist Vergangenheit. Schmerzhafte Vergangenheit.. absolut. Aber niemand von uns interessiert sich noch für diese Ansammlung pseudo-frommer Choke Artists. L33 hat andere Pläne.. und wir kennen den Weg.. Er steuert die schwarze Galeere zielsicher über dieses Meer aus Blut, während die Religion Of Death taumelt.. mit Löchern in den Segeln, Logbüchern mit leeren Seiten und einem Kompass ohne Nadel."

Ungewohnt ernst sieht das Apocalypse Girl ihn an, derweil sie auf eine Fahrstuhltür zusteuern. Der Serbe lächelt verständnisvoll zurück, auch wenn er sich des Gefühls nicht erwehren kann, dass sich hinter ihren Augen noch immer eine gewisse Traurigkeit verbirgt.

Dalm1: "Du hast vollkommen recht. Wir müssten uns mit dieser in Soutanen gewandeten Rotte von sich in Scheiße wälzenden Pharisäern überhaupt nicht auseinandersetzen, weil sie sich in ihrem achteckigen Schweinestall wahrscheinlich sowieso gegenseitig zerfleischen würden, wenn wir ihnen nur genug Zeit geben. Azrael Rage, das unverstandene Kind im Körper eines Giganten, steht allein und hat sich gegen den Rest der Welt verschworen, was die Religion of Death mit einschließt. Wir könnten also wie der sabbernde Rest der gierigen Sadistenschar dabei stehen, unsere Handy-Cams zücken und unser eigenes, kleines Mystery Science Theater erschaffen... Das ist allerdings nicht das, was ich will, Bleed. Es reicht mir nicht zuzusehen. Es reicht mir nicht, mich an Zwietracht und Verrat zu laben. Ich muss den Götzendienst des vielgesichtigen Dämons vor seinen Augen zerschlagen, ich muss ihm beweisen, dass diejenigen, mit denen er sich umgibt und die sein Vermächtnis an seinen geheiligten Sport weitertragen sollen, wegbrechen werden wie die Stützen seines geplagten, erratischen Geistes. Es muss so sein, Bleed! Er soll realisieren, wie sehr er als Trainer gescheitert ist. Und sobald er das verstanden hat, werde ich ihn lehren, dass er auch als Freund und Vater versagt hat..."

Die Namen Gabriel Lucifer und Cinderella schweben bedrohlich im Raum.

Dalm1: "...bevor er selbst dran glauben wird."

Bei der geschlossenen Fahrstuhltür angekommen, fischt das Apocalypse Girl aus ihrer Hosentasche einen Schlüssel hervor, steckt diesen in eine Schalttafel im Türrahmen und tippt in das zum Leben erwachte Zahlenfeld eine Kombination ein, woraufhin ein gedämpftes Dröhnen aus dem Schacht ertönt. Der Aufzug setzt sich in Bewegung. Die Frau, die einst den Namen Amiya Jenelle trug, verstaut den Schlüssel wieder in ihrer Hose und wendet sich fragenden Blickes erneut an ihren Begleiter.

Bleed: "Und was ist mit Chris..?"

Dalm1: "Was soll schon mit ihm sein?"

Bleed: "Ich schätze wirklich, dass du das hier tun willst.. Es gibt schlechtere Gründe, einen Krieg zu führen.. und ich liebe es, dass du es auch für mich tun willst. Ich werde an jeder Front dein Racheengel sein, der die Flaggen der Bacteria in den Sturm hält.. ich werde in jedem Schützengraben deine Wunden pflegen und deine Klingen vom Blut des Feindes reinigen.. Aber solltest du nicht McFly nun deine volle Aufmerksamkeit schenken?"

Der Belgrader verzieht die Augenbrauen.

Dalm1: "Du klingst besorgt. So als ob McFly eine Rolle in diesem Spiel spielen würde, aber sag mir, Bleed: Wer ist er schon? Wer ist Chris McFly jr.? Er ist nichts weiter als ein Wrestler, ein Söldner, der sich für ein paar Dead Presidents vor Jonas Karren spannen lässt, die ihm aufgetragene Arbeit, wie der Kriegshund, der er ist, brav im Ring verrichtet und danach wieder in seinen Zwinger geht. Aber da endet sein Wirkungsbereich auch. Niemand in dieser Fabrik, nicht mal der blonde Succubus auf seinem goldenen Thron, erwartet, dass Chris McFly wahre Veränderung bringt. Nicht so... wie Stevie das wollte. Nein, eine solche symbolische Strahlkraft besitzt McFly nicht. Er kann die Grenzen des Squared Circles nicht überschreiten, so wie wir es getan haben. Zu tief in sein pochendes Herz ist der Respekt für diesen selbstreferenziellen Sport voll inzestuöser Vetternwirtschaft eingebettet, der für die Menschen, die sich außerhalb dieser Sphären aufhalten, jedoch nicht im Geringsten interessant ist und sie deshalb auch nicht in ihrer Seele berühren kann. Selbst ein Sieg gegen mich wäre also bedeutungslos und darum ist es mir letztlich auch egal, ob mir beim Brawlin' Rumble nun Chris McFly jr. oder der verfickte Universe Man gegenübersteht. Ich werde jeden, der sich uns in den Weg und Nicotine & Bacteria in Frage stellt unter meinen Stiefeln zerquetschen."

Nun ist es die Vorbotin der Bacteria, die lächelt. Kriss Dalm1 gegen den Universe Man. Gäbe es eine tragischere Underdog-Story? Just in dem Moment, in dem sie sich diese Frage beantworten will, erklingt ein heller Ton und die Fahrstuhltür öffnet sich mit einem kränklichen Quietschen. Dahinter erstrahlt im starken Kontrast zur heruntergekommenen Kellerumgebung das blitzeblank polierte, mit stilvollen Vertäfelungen ausgestattete Interieur der Kabine, die ihre Welt mit der der anderen verbindet. Kriss Dalm1 streckt die Hand aus, bietet seiner Königin den Vortritt an und nacheinander begeben sie sich in den Aufzug, wo Bleed den mit einer (6) betitelten Knopf drückt – der höchste Stock des Monuments aus Stahl, Beton und Glas, das der PCWA als Hauptgeschäftssitz dient. Die Lichter auf der Etagenanzeige über der Tür fliegen vorbei – (UG), (EG), (1) und (2), wo der Aufzug zum Stillstand kommt. Als sich darauf die Tür öffnet, weiten sich in gleichem Maße auch die Augen des Irren vom Balkan.

Dalm1: "Das ist jetzt aber eine Überraschung! Gerade haben wir noch über dich und deine Freunde geredet."

Vor Bleed und Kriss Dalm1 steht Jacob Kwabena, der Wonderman, neuster Jünger der Religion of Death und derjenige, der bei Vendetta 113 als erster von den Plänen des Serben erfahren durfte. Schnell wandelt sich die anfängliche Perplexität aber in ein ausdrucksloses Pokerface. Egal, welche grotesken Drohungen dieser Irre noch im letzten Jahr gegen ihn und den Rest der Religion ausgesprochen hat, ganz sicher wird er jetzt nicht vor ihm parieren. Also lächelt er, lächelt Dalm1 in sein abscheuliches Gesicht, als würde er sich sogar auf dieses Wiedersehen freuen.

Jacob Kwabena: "Na ihr beiden Turteltauben? Worüber habt ihr denn gesprochen?"

Unschuldig wandern die Augen des Belgraders zur verspiegelten Decke hoch, als müsse er kurz darüber sinnieren, über was er sich mit Bleed gerade unterhalten hat. Ein sonderlich guter Schauspieler war er noch nie.

Dalm1: "Och, dies und das halt... zum Beispiel welche von euch Fotzen aus der Religion of Death ich zuerst im Ring erniedrigen sollte, aber wir sind uns noch nicht ganz darüber einig geworden, wem wir jetzt ein Ouija-Brett in den Bauch ritzen, um den Geist von Eleven anzurufen. Ist es nicht so, Bleed?"

Ein untröstliches Kopfschütteln von Bleed, das einige ihrer rotgefärbten Strähnen sich in ihr Gesicht verirren lässt, welche sie sogleich mit gespielter Kindlichkeit aus ihrem Antlitz bläst.

Bleed: "Seltsame Geschehnisse.. merkwürdig, wie sich alles zusammenfügt. Die Konstellationen, wie Sterne auf perfektem Kollisionskurs.. Jacob taucht aus dem Nichts aus, jetzt.. ausgerechnet jetzt, wo wir gerade  auf dem Weg zu Vark sind. Als hättest du Stunden an der Ecke gestanden.. eine Berg Asche und unzählige Zigarettenstummel zu deinen zitternden Füssen, bereit für deinen Auftritt in einer Mischung aus verplanter Theatralik und scheinbar perfektem Timing. Wie ein verirrtes Schaf, das den Einbruch der Dunkelheit verpasst hat.. Diese leuchtenden Augen in der Finsternis gehören uns. Sie gehören Mr. Kriss Fuckin' Dalm1. Wie eine Szene auf einem Gemälde.. Renaissance. Ein wunderschönes Werk.. fast so etwas wie ein... Kunstwerk?"

Bevor einer der beiden anderen antworten kann, beginnt die Fahrstuhltür sich wieder zu schließen. Im letzten Moment schnellt Kwabenas Bein nach vorn, unterbricht die Laserschranke und somit auch die Weiterfahrt des Aufzugs. Nicht etwa, weil blumig geführte Diskussionen mit den Kellerkindern soviel Spaß machen oder er zu faul ist, die Treppe zu benutzen, sondern weil er ihnen zeigen will, dass er sich von Nicotine & Bacteria nicht einschüchtern lässt. Und irgendwie ist dieser theatralische Bullshit, den die beiden den lieben langen Tag erzählen, ja auch irgendwie ganz amüsant...

Jacob Kwabena: "Nach oben?"

Kriss Dalm1 nickt dem Mann aus Bow, East London zu und macht einen demonstrativen Schritt zur Seite, um Jacob Kwabena in ihre Mitte zu lassen. Dann setzt sich der Aufzug wieder in Bewegung.

Die (3) auf der Etagenanzeige leuchtet auf.

Angespannte Stille hat sich über die Insassen der Fahrstuhlkabine gelegt. Bleed und Dalm1, zu Jacob Kwabena leicht nach hinten versetzt stehend, tauschen untereinander mehrdeutige Blicke aus. Der Partner von Hannibal Cain wippt dagegen ungeduldig mit dem Fuß und hält die Kellerkinder mithilfe der Spiegeldecke im Blick. Nach einigen Augenblicken des kollektiven Schweigen ist es dann letztendlich auch der Jünger der Religion, der es wieder bricht.

Jacob Kwabena: "Verstehe ich das also richtig? Der Träger der Cryption Crown... will ein Match... gegen mich?"

Dalm1: "Natürlich will ich das."

Etage (4).

Dalm1: "Was bringt es uns, wenn wir hier und jetzt ein Exempel an dir statuieren und dem Fahrstuhl mit deinem Blut einen neuen Anstrich verpassen? Wir würden vielleicht für ein paar geschockte Blicke bei den Angestellten sorgen und die Putzkolonne würde uns wegen der spontan eingelegten Spätschicht die Pest an den Hals wünschen, aber wo bliebe da denn am Ende die Aussagekraft? Wo der künstlerische Wert des Ganzen, der über den reinen, voyeuristischen Selbstzweck hinausgeht? Nein, diesen Gefallen einer vertanen Chance tue ich euch nicht. Die 120 Tage von Sodom müssen in eurer Welt, dem Ring stattfinden, damit sie überhaupt erst zu einem Symbol für die Überlegenheit von Nicotine & Bacteria werden können."

(5).

Kwabena dreht sich zu Dalm1 um, schenkt dem Gesagten nur einen müden, gelangweilten Blick. Wie gesagt... theatralischer Bullshit.

Jacob Kwabena: "Sinnlos. So Sinnlos. Dein bescheuerter Kreuzzug gegen die Religion... was erhoffst du dir davon? Meinst du, dass Eleven das Ganze in seinem Erdloch in der afghanischen Wüste über ein kleines Radio verfolgt und sich dann vor Glückseligkeit umentscheidet und wieder herkommt? Und dann streichelt er dir über den Kopf und tröstet dich, damit du dich nicht mehr so einsam fühlen musst?"

Plötzlich stoppt der Aufzug unversehens. Die Blicke von Jacob Kwabena und Kriss Dalm1 wandern zur Seite, zu Bleed, die ihre beringten Finger vom Notstoppschalter des Bedienfelds nimmt und das ganze mit einem gespielten Schmollen abtut. Oops. Erwischt.

Da packt der serbische Berserker den Wonderman plötzlich am Kragen seines Hoodies und drückt ihn gegen die Tür und stiert ihn zähnefletschend an. Offensichtlich at Kwabena hier einen wunden Punkt getroffen. Dennoch unternimmt er nichts dagegen. Der Ex-Junkie hat schließlich lang und breit erklärt, warum eine Eskalation hier und jetzt nicht in Frage kommt.

Dalm1: "Sie spielt ganz gerne mit roten Knöpfen, musst du wissen. Wennschon dieser hier keinen Atomkrieg ausgelöst hat. Braucht er aber auch gar nicht, denn das hat dein loses Mundwerk gerade ganz allein bewerkstelligt."

Die Mundwinkel des amtierenden Cryption Crown-Trägers zucken nervös. Wie groß der innere Drang gerade ist, wieder zu malen, aus Kwabena ein grausig-schönes Kunstwerk zu schaffen. Aber er muss sich zurückhalten.

Dalm1: "Erinnere dich, Jake: Ihr habt den Krieg zu uns getragen! Rage wollte, nachdem Stevie Van Crane ihn mit seinem Titelgewinn der Lächerlichkeit preisgegeben und in ein labiles Wrack voll unverarbeiteter Traumata verwandelt hat, beweisen, dass in ihm immer noch etwas von dem Mann steckt, der die PCWA einst vor dem sicheren Bankrott bewahrt hat. Und wie ginge das besser, als das personifizierte Böse auszuschalten, das sich in der Zwischenzeit im feuchten, modrigen Keller unter dem PCWA Theater eingenistet hat und zwischen Rattenscheiße und Kakerlaken genug Zeit hatte, zu wachsen und zu gedeihen. Weil niemand es für nötig hielt, die erforderlichen Schritte einzuleiten, um einmal mehr das zu verhindern, was Kerry & Gaelic beinahe geschafft hätte. Wie passend also, dass der Gottkönig gerade in einer Sinnkrise steckte, und die günstige Gelegenheit ergriff, um sich daraufhin als Kammerjäger von seiner jämmerlichen Existenz zu emanzipieren. Und dann hat er es getan. Er hat bewiesen, was ihm niemand mehr zugestehen wollte. Er hat das größte aller Übel aus dem Keller verjagt... und wie du selbst zugegeben hast, hat die Religion of Death sich dabei der Mittäterschaft schuldig gemacht. Wie kommst du also auf die absurde Idee, dass mein... 'Kreuzzug' gegen euch sinnlos sei?"

Jacob Kwabena: "Aus dem einfachen Grund, weil du offensichtlich in der Vergangenheit lebst, Serbe. Und weil du ein schlechter Verlierer bist, obwohl du nicht einmal aktiv beteiligt warst. Jemand hat dein unzerstörbares Idol niedergerissen, wie ein Videospiel-Held eine Statue eines Diktators. Wir haben ein neues Jahr und alles dreht sich bei dir um Eleven. Doch die Elf ist nun seit fünf Jahren schon nicht mehr zeitgemäß. Die Sechzehn ist das Zauberwort. Zweitausendsechszehn. Komm endlich darauf klar."

Ein flüchtiger Blick streift Bleed, die es bei dieser armseligen Provokation nicht mal für nötig hält, dem Partner von Hannibal Cain den Mittelfinger auszustrecken.

Jacob Kwabena: "Komm endlich klar, dass Rage Eleven nun einmal besiegt hat. Und das sage ich, ohne Rages bester Freund oder Fan zu sein. Und wenn du meinst, dass du deine Wut und Enttäuschung und deine Einsamkeit mit einem Duell mit mir kompensieren kannst, bitte. Vergiss aber nicht, dass ich deinen größten Rivalen Breads ans Limit gebracht habe. Und seitdem sind wieder ein paar Wochen vergangen, ein paar Monate des Trainings. Am Körper, am Kopf. Nimm mich also nicht auf die leichte Schulter. Denn dann wird es für mich noch einfacher, dich zu besiegen wie Rage es mit Eleven gemacht hat."

Das sagt der Mann aus Bow, East London, den man für diese Aussage vor einem halben Jahr wohl noch lauthals ausgelacht hätte, mit einer trockenen Ernsthaftigkeit, die dem eben noch kurz vor der Explosion stehenden Serben ein imponierendes Lächeln abringt.

Dalm1: "Das finde ich... interessant. Wirklich interessante Ansichten, Kwabi. Dir müssen ja tennisballgroße Eier gewachsen sein, seit du deinen Arsch an Hannibal prostituiert hast, um so wirklichkeitsfremd daherzureden. Aber das ist gut. Sehr gut sogar. Die Freude wird dann nämlich nur noch größer sein, wenn Rage mitansehen muss, wie ich einen seiner Zöglinge bei Vendetta 114 so sehr misshandle, dass er im Anschluss die Scherben seiner Menschenwürde vom Boden aufsammeln muss."

Kriss Dalm1 lässt los, macht einen Schritt zurück und betätigt dann den Notstoppschalter. Der Fahrstuhl setzt sich wieder in Bewegung. Als sie kurz darauf das oberste Stockwerk erreichen und die Tür sich öffnet, schleust sich Dalm1 an dem Engländer vorbei in die Freiheit des sechsten Stocks. Lediglich das Apocalypse Girl lehnt sich mit gedankenverlorener Miene gegen den Türrahmen, um einmal mehr den Lift an der Weiterfahrt zu hindern. Der Belgrader stockt, als er bemerkt, dass die N&B-Vorbotin ihm nicht gefolgt ist und dreht sich zu ihr und Kwabena um.

Bleed: "Kriss? Ich habe nachgedacht. Dieses Bild von den Fronten, das ich dir malte.. Ich sehe es in meinem Verstand. Ich rieche das Pulver.. und Kugeln streifen mein Haar. Und ich sehe das Blut des Feindes auf dem zermarterten Boden. Und die Flagge, die ich über das Schlachtfeld trage, wallt schwer im Wind. Und ich sehe die Körper über dem Stacheldraht.. Jacob liegt dort.. und sein Sergeant ist genauso tot wie er. Ich möchte sehen, wie es endet."

Die Augen des Irren vom Balkan drücken Überraschung aus, fragen neugierig nach dem "Wie".

Bleed: "Diese Konstellation ist nicht fair. Es ist nicht der ausgeglichenste Fight.. aber wenn die hungrigen Augen der Wölfe wie Leuchtfeuer in der Finsternis glühen, dann ist auch ein einzelnes, verirrtes Lamm am falschen Ort. Lass die Religion of Death ein wenig Titelluft schnuppern. Sie haben schon seit Äonen nichts relevantes mehr vorweisen können.. sie haben nichts ausser einem leeren 'Brave New World'-Slogan und einer gesichtslosen Masse aus verlorenen Gestalten. Gib ihnen den Shot. Und sie besitzen zum ersten Mal seit Ewigkeiten etwas, das man ein konkretes Ziel nennen kann."

Ihr Blick wandert dabei zu Jacob Kwabena, der sogar noch überraschter als Dalm1 wirkt. Deutet sie hier wirklich an, was er hinter dieser Aussage vermutet?

Bleed: "Gib Jacob einen Shot auf die schwarze Cryption Crown, Kriss. Er wurde jeder Illusion beraubt, als er sich Cain anschloss. Brave New World, right? Well, du warst 'brave'.. und jeder Sieg war 'neu'.. und fühlte sich gut an. Das Echo von den Rängen, Kevin Sharpe's respektvolles, kurzes Nicken, der bestätigende Blick von Breads, wenn auch er auf dem Weg zur Kabine an dir vorbei ging. Du hattest sie.. diese 'Welt'. Du hast den schweren Weg eingeschlagen, dich durch die Dornen gekämpft, die dein Fleisch zerrissen. Und dein Blut floss solange, bis jeder deinen Namen kannte. Nun will ihn jeder vergessen. Früher ein geliebter und respektierter Outsider, der auf die Zähne beisst und sich mit blutigen Fäusten aus den Scherben stemmt. Heute nichts weiter als der namenlose Passagier Nummer Fünf auf dem löchrigen Floss, das gegen die schwarzen Galeeren in eine kurzweilige Seeschlacht ziehen mag. Wow, Jacob.. hast du vielleicht die falsche Entscheidung getroffen. Kriss, schenk ihm Gnade, schenke ihm den Traum.. male ihn in den Ring in glaubhaften Farben. Und fühle die Augen der Religion Of I-Don't-Know-What, die ihre neueste Missgeburt fallen sehen werden wie ein altes Pferd im Kugelhagel. Sie werden ihn am Boden sehen.. besiegt und begraben mit seinem Traum eines Happy Ends. Sie werden die Augen rollen, unterwürfig zu Cain blicken, damit er ihnen eine kreative Erklärung für diese Schmach dichtet. Und Cain wird beten, dass die Galeere weiter zieht.. und dankbar sein, wenn seine Lakaien im Angesicht dieser Niederlage wieder nicht auf die abstruse Idee kommen, ihn nach Sinn, Zweck und Ziel dieses gesamten Unterfangens namens RoD zu fragen."

Der Angesprochene grinst bei dieser gefälligen Vorstellung und ein Blick hin zu Jacob Kwabena offenbart ein Funkeln in seinen Augen, dass er nur verhältnismäßig schlecht hinter seiner gewollt neutralen Miene verbergen kann.

Dalm1: "Du kaltherziges Miststück! Und dafür bewundere ich dich... die einzige Frau, die meine Bewunderung verdient hat. Aber auch wenn ich die Idee liebe, was machen wir, wenn es wie in den letzten Monaten 'Komplikationen' geben wird? Was passiert, wenn der Umfang der moralischen Unterstützung von Cains Gemeinde kurze Röcke, raschelnde Pompons und schrille Anfeuerungsrufe übersteigt? Ich habe nämlich überhaupt keine Lust darauf, meinen Titel in einem Handicap-Match zu verteidigen."

Wie aus der Pistole geschossen kommt die Antwort. Aber nicht von Bleed.

Jacob Kwabena: "Ich rede mit Cain. Keiner aus der Religion wird am Ring sein."

Dalm1: "Wirklich? Das willst ausgerechnet du mir garantieren?"

Kwabena nickt zur Bestätigung. Normalerweise würde er auf ihre handfeste Unterstützung bei einem Match wohl nicht verzichten wollen, wenn das einen Vorteil für ihn bedeutet, aber hier muss er sichergehen, dass dieses Match so stattfindet, wie von Bleed vorgeschlagen. Einen so einfachen Titleshot wird er wahrscheinlich kein zweites Mal ergattern können.

Jacob Kwabena: "Wenn du mir wirklich ein Match um die Crown anbietest, dann will ich es dir auch alleine beweisen. Ich brauche die Religion um stärker zu werden, doch ich brauche de Religion nicht, um dich zu besiegen. Haben wir einen Deal?"

Die Mundwinkel des Serben heben sich an.

Dalm1: "Den haben wir. Vendetta 114 – Jacob Kwabena gegen Kriss Dalm1 – Cryption Crown on the line. Ich freue mich auf unser kleines Tänzchen. Bereite dich schon mal mental auf deine Hinrichtung vor."

Damit ist alles gesagt. Bleed stößt sich vom Türrahmen des Aufzugs ab und schließt zu Kriss Dalm1 auf.

Jacob Kwabena: "Apropos Hinrichtung... welche Stipulation?"

Der Serbe winkt, ohne sich noch einmal umzudrehen, desinteressiert ab.

Dalm1: "Das soll sich Jona Vark aussuchen. Man soll mir am Ende ja nicht vorwerfen, dass ich kein fairer Sportsmann sei."

 

Mike Garland: „Sehr interessant. Das Video verrät uns tatsächlich wie es zu unserem heutigen Main Event gekommen ist.“

Vincent Craven: „Jacob Kwabena und Kriss Dalmi in einem Fahrstuhlgespräch. Schön fand ich die Antwort auf die Frage, wohin der Wonderman will – Nach oben!“

Mike Garland: „Da kann er lange Fahrstuhl  fahren. Am Ende wird er stets wieder unten sein. Egal welch großen Töne Kwabena spuckt. Er wird niemals die Cryption Crown tragen.“

Vincent Craven: „Das sieht Bleed wohl genauso. Sie scheint im Hintergrund von N&B ganz vordergründig die Strippen zu ziehen und das Bindeglied der Jungs zu sein.“

Mike Garland: „Das Wortspielspiel solltest du dir verkneifen… also Glied… und Bleed… und Dalm1 oder L33…

Vincent Craven: „Das sollte kein Wortspiel sein. Fakt ist, dass der Serbe einen Kreuzzug gegen die RoD führen will und Bleed ihn dabei definitiv nicht aufhält. Jacob Kwabena soll heute das erste Mahnmal dieses Krieges werden!“ 



Actions